{"id":2228,"date":"2014-12-19T12:48:00","date_gmt":"2014-12-19T10:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2228"},"modified":"2015-01-19T13:15:34","modified_gmt":"2015-01-19T11:15:34","slug":"moby-dick-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2228","title":{"rendered":"Moby Dick (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2229\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Moby-Dick.jpg\" alt=\"Moby Dick (Splitter)\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Moby-Dick.jpg 300w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Moby-Dick-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>\u201eNennt mich\u2026Ismael.\u201c Mit diesen kurzen Worten beginnt ein monumentaler Reigen von Rache, \u00dcberheblichkeit und grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz, der sich wie kaum ein Werk der Weltliteratur ins kollektive Bewusstsein gebrannt hat. Dies allerdings weniger in seiner urspr\u00fcnglichen Inkarnation \u2013 die wenigsten werden Herman Melvilles ausladendes Epos, in dem es nur teilweise um die besessene Jagd nach einem Wal geht, in G\u00e4nze gelesen haben \u2013 sondern in gek\u00fcrzten Kinder-\/Jugendversionen oder vor allem in der Verfilmung, die wir trotz der grandiosen zentralen Fehlbesetzung sowie der v\u00f6llig verhunzten Spezialeffekte immer wieder atemlos verfolgen, schon alleine, um Orson Welles predigen zu sehen. In der Phase, als die Bildgeschichten (wie schon das fr\u00fche Kino) noch versuchten, sich durch literarische Inhalte zu \u201eadeln\u201c, gab Melvilles Roman auch daher eine dankbare Vorlage ab und wurde schon 1956 als Illustrierter Klassiker umgesetzt. Auch Will Eisner f\u00fchlte sich zu einer Adaption berufen, und so stehen Olivier Jouvray (u.a. <em>Fluchttunnel nach West-Berlin<\/em>) und Pierre Alary (u.a. <em>SinBad<\/em>, <em>Belladonna<\/em>) in bester Tradition, wenn sie uns ihre ureigene Version der Geschehnisse auf dem Walf\u00e4nger Pequod darbringen.<\/p>\n<p>Dabei gehen sie gar nicht so \u201efrei\u201c vor, wie das der Untertitel suggeriert \u2013 vielmehr spiegelt ihre Fassung die verbreitete Rezeption des Romans: man sch\u00e4lt die Hauptelemente der Geschichte heraus und isoliert sie von den ausladenden Beschreibungen der Walfangindustrie, des Seemannslebens und der Walgattungen, die bei Melville zig Seiten f\u00fcllen. Somit erleben wir eine Version, die auch relativ nah an der Filmfassung bleibt: Ismael verdingt sich nach einer unheimlichen Nacht in einem Zimmer mit dem gewaltigen Harpunier Queequeg auf der Pequod und erkennt bald, dass es sich hier nicht um eine normalen Walfangreise handelt, sondern um den obsessiven Kreuzzug von Kapit\u00e4n Ahab, der den wei\u00dfen Wal Moby Dick durch die Weltmeere jagt, um sich an ihm zu r\u00e4chen. Man trifft andere Schiffe, lehnt Hilfeaktionen ab, erlegt diverse Meeress\u00e4uger, Ahab nagelt eine Golddukate an den Mast und lobt sie als Belohnung f\u00fcr den aus, der den Wal als erster sichtet. Elmsfeuer umspielen das Schiff und den Besessenen, die Mannschaft folgt ihm in die sprichw\u00f6rtliche H\u00f6lle, bis im apokalyptischen finalen Kampf Mann und Maus in den Untergang gerissen werden \u2013 bis auf Ismael, der auf Queequegs Sarg schwimmend \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Das ist in jedem Moment so biblisch und faustisch wie die Vorlage: wie Jonah wird Ahab vom Leviathan (wie der Wal \u00f6fter bezeichnet wird) buchst\u00e4blich verschluckt, seine Seele wird durch die Jagd zerfressen, wobei im Gegensatz zur biblischen Geschichte keine L\u00e4uterung, sondern der Tod am Ende steht. Ahab fordert die G\u00f6tter heraus, steigert sich in einen <a title=\"Prometheus, Band 1-3 (Splitter)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=367\" target=\"_blank\">Prometheus<\/a>-artigen Rausch hinein und verliert dar\u00fcber den letzten Rest jeder Menschlichkeit \u2013 seine k\u00f6rperliche Versehrtheit steht symbolisch f\u00fcr seine verlorene Humanit\u00e4t, im wei\u00dfen Wal versucht er, wie der fliegende Holl\u00e4nder \u00fcber die Meere irrlichternd, seine eigenen D\u00e4monen zu t\u00f6ten, die ihn schlussendlich gnadenlos einholen. Also, wenn das mal nicht modern ist\u2026 Olivier Jouvray w\u00e4hlt dabei schlaglichthaft die entscheidenden Szenen aus, eine in Film wie Comic absolut legitime Vorgehensweise, ein Epos zu b\u00e4ndigen. Pierre Alary inszeniert die Odyssee in leicht stilisierten Panels, in denen einzelne Farbt\u00f6ne dominieren, \u00e4hnlich einem viragierten Stummfilm: die Nacht erscheint blau, Szenen um die Waljagd erstrahlen blutrot, um in einem feurigen Finale zu enden. So entsteht \u2013 von Splitter als Hardcover im Graphic Novel-Format sch\u00f6n eingerichtet \u2013 ein ebenso rasantes wie tiefsinniges Lese-Erlebnis, das eine mehr als nur valide Interpretation des Romans bietet. Und glaubt mir: der ist ausf\u00fchrlich. Sehr ausf\u00fchrlich. (hb)<\/p>\n<p>Moby Dick<br \/>\nText: Olivier Jouvray; nach Herman Melville<br \/>\nBilder: Pierre Alary<br \/>\n128 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n19,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-95839-043-0<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D2228\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2228\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Moby Dick (Splitter) &raquo; Comicleser #Books #Graphic Novel #Literatur-Adaption #Moby Dick #Oliv [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNennt mich\u2026Ismael.\u201c Mit diesen kurzen Worten beginnt ein monumentaler Reigen von Rache, \u00dcberheblichkeit und grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz, der sich wie kaum ein Werk der Weltliteratur ins kollektive Bewusstsein gebrannt hat. 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