{"id":1956,"date":"2014-10-14T20:59:22","date_gmt":"2014-10-14T18:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1956"},"modified":"2014-11-07T14:36:36","modified_gmt":"2014-11-07T12:36:36","slug":"der-fremde-jacoby-stuart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1956","title":{"rendered":"Der Fremde (Jacoby &#038; Stuart)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1957\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Der-Fremde.jpg\" alt=\"Der Fremde (Jacoby &amp; Stuart)\" width=\"301\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Der-Fremde.jpg 301w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Der-Fremde-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 301px) 100vw, 301px\" \/><\/p>\n<p>\u201eHeute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern. Ich wei\u00df es nicht.\u201c Ein seltsamer wie einpr\u00e4gsamer Beginn. Und irgendwie gruselig. Die ersten Gedanken des Protagonisten Meursault in Albert Camus\u2018 existentialistischem Roman <em>Der Fremde<\/em>. Genauso beginnt auch die Comic-Adaption. Fast. Denn hier steht am Anfang eine wortlose, einf\u00fchrende Seite, die zeigt, wie Meursault in der Hitze des Tages gerade noch so auf einen Bus aufspringt. Und da sind wir schon beim Dilemma: bei einer derart \u201aprominenten\u2018 Vorlage liegt es nahe, den Roman mit der Comic-Adaption zu vergleichen. Hier das gedruckte Wort und Bilder, die im Kopf entstehen. Dort die vom Zeichner vorgegebene, bildgewordene Fantasie mit naturgem\u00e4\u00df weniger Text. Aber genau das wollen wir hier \u2013 soweit m\u00f6glich \u2013 vermeiden und vordergr\u00fcndig den Comic betrachten (und ich gebe zu, dass es schon eine gute Weile her ist, als ich <em>Der Fremde<\/em> gelesen habe \u2013 gleich nach <em>Die Pest<\/em>). So soll der Comic, f\u00fcr dessen Texte die deutsche Original\u00fcbersetzung von Uli Aum\u00fcller verwendet wurde, hier f\u00fcr sich alleine stehen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Meursault, dessen erste Gedanken ihn also nicht gerade sympathisch machen, was sich auch nicht mehr \u00e4ndern wird. Er f\u00e4hrt also zum Begr\u00e4bnis seiner Mutter, die in einem Seniorenheim in der N\u00e4he von Algier gestorben ist (der Roman erschien 1940, damals war Algerien franz\u00f6sische Kolonie). Dort benimmt er sich seltsam abwesend, gleichg\u00fcltig, gef\u00fchlskalt. Zur\u00fcck in Algier ist das nicht viel anders. Am Tag nach der Beerdigung trifft er seine Freundin Marie, geht mit ihr ins Kino (eine Kom\u00f6die mit Fernandel), verbringt die Nacht mit ihr. Keine Anzeichen von Trauer. Und Meursault wertet nicht. Er liebt Marie nicht, sagt ihr das auch. Dann lernt er den Gauner Raymond Sint\u00e8s kennen und hilft ihm, dessen abtr\u00fcnnige Freundin zu bestrafen. Auch hier keine Wertung zwischen Recht und Unrecht, keine Gef\u00fchle. Kurz darauf kommt der fatale Zwischenfall. Meursault t\u00f6tet in der Mittagshitze einen Araber, der eigentlich mit Raymond \u00c4rger hatte, mit mehreren Sch\u00fcssen. So beginnt und endet Teil eins des Buches und des Comics mit dem Tod.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil steht Meursault vor Gericht. Nachdem er zum allgemeinen Entsetzen erkl\u00e4rt, dass er nicht an Gott glaubt, wird der Staatsanwalt auf der Suche nach einem Motiv f\u00fcndig. Sein Benehmen nach dem Tod seiner Mutter, seine immerw\u00e4hrende Gleichg\u00fcltigkeit wird als Kaltbl\u00fctigkeit, als Abgebr\u00fchtheit ausgelegt. Die Zeugen, die zu seinen Gunsten aussagen \u2013 ein verwirrter Alter, seine Freundin, deren Verhalten in den Augen des Gerichts unmoralisch war, sein zwielichtiger Kumpel Raymond \u2013 k\u00f6nnen ihn nicht entlasten. Und so ist das Ende unausweichlich. Er wird von den Geschworenen zum Tode durch das Schafott verurteilt. In seiner Zelle erwartet er seine Hinrichtung. Er lehnt den Beistand des Priesters ab, streitet mit ihm und kommt am Ende dann doch mit sich ins Reine \u2013 im weitesten Sinne zumindest.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden auch im Comic die existentialistischen Hauptthemen beackert: die Welt als sinnlose K\u00e4lte (wieder im Gegensatz zu den warmen, freundlichen Farben des Comics \u2013 dazu unten mehr), der Mensch, also Meursault, als darauf geworfener Fremder, der irgendwie klarkommen muss. Und letztendlich scheitert. Was sich nat\u00fcrlich gegen die klassische Weltsicht richtet, dass alles irgendwo einen Sinn hat, weil es von Gott gesteuert wird (den Meursault leugnet).<\/p>\n<p>Aber gerne gebe ich zu (ja, schon wieder): mindestens im gleichen Ma\u00dfe wie die Adaption des Romans an sich interessiert mich der Zeichner: Jacques Ferrandez, Jahrgang 1955. Dessen letzten Ver\u00f6ffentlichungen hierzulande liegen sch\u00e4ndlicherweise schon ewig zur\u00fcck. Und auch darin besch\u00e4ftigte er sich mit Algerien und dessen Geschichte(n) \u2013 kein Wunder, wurde er doch in Algier geboren. Sein <em>Algerisches Tagebuch<\/em> erschien 1988 bei Carlsen und ebenfalls dort zuletzt <em>Die S\u00f6hne des S\u00fcdens<\/em>, das war aber auch bereits 1994. Seinem beeindruckenden Stil ist er treu geblieben: ruhige, f\u00fcr das Auge angenehme Bilder in behutsam abgestimmten Aquarell-Farben, die auch in <em>Der Fremde<\/em> keine Tristesse verbreiten (obwohl sich eine \u201afinstere\u2018 Kolorierung hier auch durchaus angeboten h\u00e4tte). Oft werden die Seiten mit stimmungsvollen, hell kolorierten Bleistiftzeichnungen eingeleitet, die gr\u00f6\u00dfer und ohne Panelrahmen daherkommen. Buntes als Kontrapunkt zum langweiligen, tristen Dasein des Protagonisten. Gut gew\u00e4hlt und gelungen auch die Pr\u00e4sentation, wobei der Verlag dankbarerweise auf das inzwischen popul\u00e4re kleinere Graphic Novel Format verzichtet, was den Genuss der Zeichnungen sichtlich hebt. Die Schl\u00fcsselszene mit dem Mord ist beeindruckend inszeniert. Was im Roman (Mist, jetzt doch der Vergleich) eine gute Seite einnimmt, wird im Comic auf vier Seiten schon beinahe filmisch bebildert. Meursault t\u00f6tet eiskalt, quasi als Gegenpol zur sengenden Sonne, der er die Hauptursache an seiner Tat zuschreibt. Seine Mimik bleibt auch im Comic reduziert. Manchmal scheint er zu schwitzen oder ist vielleicht erregt. Aber er zeigt keine Gef\u00fchle, h\u00f6chstens Erkenntnis. Folgerichtig bleibt Meursault ein Fremder. F\u00fcr die Menschen, die ihn kennen, f\u00fcr das Gericht und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Leser.<\/p>\n<p>F\u00fcr wen ist nun eine solche Comic-Adaption gedacht? Quasi ein Hybrid aus moderner klassischer Literatur und ebenso modernem Medium? Nun, sie macht es vielleicht einfacher und leichter, einen Zugang zu vermeintlich schwererer Kost zu bekommen. Sie mag auch eine andere Leserschaft ansprechen. Es ist leichter (ja, auch schneller), ein Comic zu lesen, als einen Roman. Andererseits wird sich der typische Asterix Leser schwerlich f\u00fcr eine solche Adaption begeistern lassen. Hierzulande zumindest, in Frankreich oder Belgien, wo der Comic einen ganz anderen kulturellen Stellenwert hat, mag das anders aussehen. Trotzdem mag man damit neue Leser erschlie\u00dfen, die den Roman nie angefasst h\u00e4tten (gleiches gilt auch f\u00fcr <a title=\"Fr\u00e4ulein Else (avant-verlag)\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=241\" target=\"_blank\">Manuele Fiors gelungene Adaption von Arthur Schnitzlers Novelle Fr\u00e4ulein Else<\/a>, auf die wir an dieser Stelle gerne verweisen). Fest steht: Ferrandez\u2019 zeichnerische Qualit\u00e4ten machen aus der Adaption auch eine sehenswerte Graphic Novel (grafischer Roman passt hier mal), an der man gerne h\u00e4ngen bleibt. (bw)<\/p>\n<p>Der Fremde<br \/>\nAdaption &amp; Bilder: Jacques Ferrandez<br \/>\nnach dem Roman von Albert Camus<br \/>\n128 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nJacoby &amp; Stuart<br \/>\n24 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-942787-21-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D1956\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1956\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Der Fremde (Jacoby &#038; Stuart) &raquo; Comicleser #Albert Camus #Algerisches Tagebuch #Der Frem [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHeute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern. 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