{"id":13248,"date":"2025-01-15T12:48:29","date_gmt":"2025-01-15T10:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=13248"},"modified":"2025-01-15T14:07:24","modified_gmt":"2025-01-15T12:07:24","slug":"dorian-gray-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=13248","title":{"rendered":"Dorian Gray (Splitter)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"288\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_WEB.jpg\" alt=\"Dorian Gray (Splitter Verlag)\" class=\"wp-image-13249\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_WEB.jpg 288w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_WEB-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Versuchungen sind da, um ihnen nachzugeben. Frei nach diesem Motto belehrt der Dandy Lord Henry Wotton den gutaussehenden J\u00fcngling Dorian Gray, der gerade beim Maler Basil Halward f\u00fcr ein Portrait Modell sitzt. Das einzig wahre Gut sei Sch\u00f6nheit und Jugend, und nachdem die nun mal verg\u00e4nglich sei, m\u00fcsse man jenseits aller Moral und gesellschaftlichem Rahmen <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10131\" data-type=\"post\" data-id=\"10131\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">das Leben in vollen Z\u00fcgen auskosten<\/a>. Das beeindruckt Dorian in solchem Ma\u00dfe, dass er lautstark einen lasterhaften Wunsch \u00e4u\u00dfert: warum kann nicht das Gem\u00e4lde an seiner Statt altern und er selbst seine Jugend auf ewig bewahren? Diese vermeintlich einfach dahingesagte Hoffnung vergisst Dorian rasch, aber dennoch st\u00fcrzt er sich mit Henry ins Nachtleben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer finsteren Theaterkaschemme erlebt er die Variet\u00e9-Darstellerin Sybil Vane, die ihn in ihrer nat\u00fcrlichen \u00c4sthetik mitrei\u00dft \u2013 aber als Dorian seine Freunde Henry und Basil zu einer Vorstellung einl\u00e4dt, ger\u00e4t dies zum Desaster: die verliebte Sybil zeigt sich ihrem Dorian als wahre Person anstelle einer Kunstfigur. Der l\u00e4sst sie daraufhin eiskalt fallen: ohne Kunstgenuss taugt das alles schlie\u00dflich nichts. Daheim stellt Dorian fest, dass sein Portrait pl\u00f6tzlich Z\u00fcge einer k\u00fchlen Grausamkeit anzunehmen scheint. Schockiert will er ein besserer Mensch werden, aber daf\u00fcr ist es zu sp\u00e4t: Henry kann ihm nur noch mitteilen, dass Sybil sich umgebracht hat. Dorian verfrachtet das verr\u00e4terische Konterfei auf den Dachboden und st\u00fcrzt sich nun endg\u00fcltig in ein Leben voller Dekadenz und Abseitigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwanzig Jahren sucht der besorgte Basil seinen ehemaligen Weggef\u00e4hrten nochmals auf, der reihenweise nicht nur seinen Ruf, sondern auch andere Existenzen zerst\u00f6rt hat und dabei all die Jahre seine Jugend bewahren konnte. In Dorians Haus lauert dabei eine f\u00fcrchterliche Erkenntnis auf Basil\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem einzigen Roman lieferte der irische Schriftsteller, Essayist, Kulturphilosoph und vor allem Vorzeige-Dandy Oscar Wilde 1890 die vielleicht bekannteste dramatische Verdichtung des Gedankens des Hedonismus, der Sch\u00f6nheit und der \u201eKunst um der Kunst willen\u201c-Bewegung, die John Ruskin und Walter Pater zu Zeiten des <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12788\" data-type=\"post\" data-id=\"12788\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">fin de si\u00e8cle<\/a> (f\u00fcr die Generation Z: gemeint ist hier das Ende des 19. Jahrhunderts) dem dominierenden Realismus und Naturalismus entgegenstellten. \u201eAll art ist quite useless\u201c, so das direkt gegen George Bernard Shaw, Bertolt Brecht und andere selbsternannte Oberlehrer gerichtete Credo \u2013 Sch\u00f6nheit und \u00c4sthetik haben f\u00fcr die \u201eDekadentisten\u201c, die sich um die Jahrhundertwende nicht nur in England, sondern auch in Frankreich, Deutschland und \u00d6sterreich formierten, einen Wert in sich.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite-2_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13251\" width=\"343\" height=\"324\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite-2_WEB.jpg 424w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite-2_WEB-300x283.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 343px) 100vw, 343px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wilde avancierte dabei zum Wortf\u00fchrer, verpackte seine scharfz\u00fcngig-hintersinnigen Bonmots in perfekt konstruierte, ballettartig-leichtf\u00fc\u00dfige B\u00fchnenwerke (von denen das unnachahmliche \u201eThe Importance of Being Earnest\u201c 1895 zweifelsohne den H\u00f6hepunkt darstellte) und gab sich auch selbst bewusst als pfauenhaft durch die Londoner Society flanierender Dandy, der seine erotischen Neigungen nur wenig kaschierte (was dann letztlich zu dem ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Prozess f\u00fchrte, in dem Wilde 1895 verurteilt wurde, eine Gef\u00e4ngnisstrafe verb\u00fc\u00dfte und kurz darauf gedem\u00fctigt und gebrochen 1900 in Paris verstarb).<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Dorian Gray f\u00e4chert Wilde dabei durchaus facettenreich die Faszination, aber auch die destruktiven Auswirkungen eines konsequenten Hedonismus auf: das offenkundig an Faust angelehnte Motiv des jungen Mannes, der f\u00fcr ewige Jugend quasi seine Seele verkauft, behandelt durchaus die finsteren Konsequenzen eines \u00fcberbordend auf den eigenen Genuss fokussierten Daseins \u2013 nicht umsonst fallen Dorian alle Weggef\u00e4hrten, inklusive Basil und Henry, zum Opfer. Die Beschr\u00e4nkungen der bigotten sp\u00e4tviktorianischen Zeit mit ihrer Doppelmoral kann Dorian nur durch einen Doppelg\u00e4nger \u00fcberwinden, der seine Verfehlungen auf sich nimmt \u2013 was bei Wilde das Portrait auf dem Dachboden, ist bei Robert Louis Stevenson der <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12742\" data-type=\"post\" data-id=\"12742\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unhold Mr Hyde<\/a>, der stellvertretend f\u00fcr seinen Sch\u00f6pfer Doktor Jekyll Untaten begeht und geheime W\u00fcnsche auslebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Wilde selbst mit gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen haderte und zwischen Freiheit und Verantwortung schwankte, zeigt seine Aussage zu seinen Charakteren aus einem Brief von 1894: \u201eThe Picture of Dorian Gray contains much of me in it \u2013 Basil Hallward is what I think I am; Lord Henry, what the world thinks of me; Dorian is what I would like to be \u2013 in other ages, perhaps.\u201d \u00dcber die literarischen Qualit\u00e4ten des Romans streitet die Fachwelt bis heute: anfangs als abseitig, klischeehaft und verf\u00fchrerisch verrissen, schwankt die Kritik nach wie vor zwischen der Bewertung als Meisterwerk und der Einsch\u00e4tzung als brillante Idee, die in der Ausf\u00fchrung teilweise abstrus und wenig ausgefeilt daherkommt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite6_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13253\" width=\"263\" height=\"369\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite6_WEB.jpg 285w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dorian-Gray_Seite6_WEB-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Enrique Corominas konzentriert sich bei seiner in jedem Wortsinn fulminanten Umsetzung auf die ersten 13 Kapitel des Romans, die 1890 in der Zeitschrift Lippincotts Monthly Magazine erstmals erschienen (und die Wilde dann ein Jahr sp\u00e4ter f\u00fcr die Buchausgabe um 7 weitere Kapitel erg\u00e4nzte, nicht zuletzt als Reaktion auf die sch\u00e4umenden Reaktionen der schockierten Londoner Leserschaft). Bewusst gliedert Corominas das Geschehen dabei wie eine Oper in 5 Akte und trifft dabei kongenial Ton und Atmosph\u00e4re der Theaterst\u00fccke Wildes. Das titelgebende Motiv des Portraits erscheint dabei niemals in der Handlung selbst, sondern er\u00f6ffnet quasi als Vorhangillustration jeden Akt &#8211; wobei die zunehmende Zerst\u00f6rung von Dorians Seele in immer weiter fortschreitender Entstellung des Bildes ihren Niederschlag findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch farblich zeichnet Corominas den Weg Dorians eindrucksvoll nach: von eher realistischer Beleuchtung und Farbgebung in den Eingangspassagen wandelt sich die Darstellung zunehmend zu symbolischer, fast <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=12989\" data-type=\"post\" data-id=\"12989\" target=\"_blank\">expressionistischer<\/a> Erscheinung, was in den fieberhaft-apokalyptischen Eindr\u00fccken des Buchs kulminiert, das Lord Henry dem jungen Dorian \u00fcberl\u00e4sst und ihn dadurch endg\u00fcltig ins Verderben st\u00fcrzt (bei Wilde stand hier die Dekadenz-Bibel \u201e\u00c1 rebours\u201c &#8211; Gegen den Strich &#8211; von Joris-Karl Huysmans Pate, Corominas lehnt sich nach eigenen Worten eher an Lautr\u00e9amonts \u201eLes Chants de Maldoror\u201c &#8211; Die Ges\u00e4nge des Maldoror &#8211; an).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gelingt es Corominas ebenso virtuos, wie er selbst formuliert \u201eeine viktorianische Epoche wiederauferstehen zu lassen, die nicht nach Mottenkugeln riecht\u201c: von den eleganten Herrenh\u00e4usern bis hin in die verruchten Kneipen von Soho, in denen <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=1217\" data-type=\"post\" data-id=\"1217\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jack the Ripper<\/a> um die Ecke zu schauen scheint, entsteht eine lebendige, eindringliche Darstellung des sozial wie moralisch tief gespaltenen London, was auch in den hier enthaltenen, doppelseitigen Panoramabildern mit Wucht auflebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein mehr als nur gelungener Versuch somit, Wildes faszinierende Gedankenwelt, aber auch Sprachgenie in eine Graphic Novel zu \u00fcbertragen, die bei Splitter standesgem\u00e4\u00df aufgemacht mit Vor- und Nachwort vorgelegt wird. Vielleicht sollte man sich die Filmadaption von <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=10006\" data-type=\"post\" data-id=\"10006\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">1945<\/a> nochmals zu Gem\u00fcte f\u00fchren &#8211; die Fassung von 2009 \u00fcbergehen wir ebenso wie die Tatsache, dass eine uns\u00e4gliche, von kulturabholden Gesellen gerne als \u201e\u00e4\u00e4rbord disgo\u201c bezeichnete Absteige nahe <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=8997\" data-type=\"post\" data-id=\"8997\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Frankfurt<\/a> Mitte der 80er Jahre unversch\u00e4mterweise den bedeutungsschweren Namen klaute. Unerh\u00f6rt. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/dorian-gray-graphic-novel.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/dorian-gray-graphic-novel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dorian Gray<\/a><br>Text &amp; Story: Enrique Corominas, nach Oscar Wilde<br>Bilder: Enrique Corominas<br>88 Seiten in Farbe, Hardcover<br>Splitter Verlag<br>22 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-98721-458-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D13248\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=13248\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Dorian Gray (Splitter) &raquo; Comicleser #Dorian Gray #Enrique Corominas #Graphic Novel #Literatu [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versuchungen sind da, um ihnen nachzugeben. 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