{"id":11699,"date":"2023-07-20T14:34:25","date_gmt":"2023-07-20T12:34:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=11699"},"modified":"2023-07-20T14:37:00","modified_gmt":"2023-07-20T12:37:00","slug":"tolldreiste-geschichten-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=11699","title":{"rendered":"Tolldreiste Geschichten (Splitter)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"289\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Tolldreiste-Geschichten_WEB.jpg\" alt=\"Tolldreiste Geschichten (Splitter Verlag), von Paul &amp; Ga\u00ebtan Brizzi, nach Honor\u00e9 de Balzac\" class=\"wp-image-11700\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Tolldreiste-Geschichten_WEB.jpg 289w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Tolldreiste-Geschichten_WEB-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eDrolatiques\u201c, so hei\u00dfen diese Erz\u00e4hlungen im franz\u00f6sischen Original, lustig, spa\u00dfig, erg\u00f6tzlich, drollig \u2013 und vor allem durchaus deftig, wie man das fr\u00fcher ja gerne bezeichnete. Aus den insgesamt 30 kurzen Geschichten, die Honor\u00e9 de Balzac unter diesem Titel versammelte, w\u00e4hlen die Br\u00fcder Paul und Ga\u00ebtan Brizzi f\u00fcr ihre Umsetzung vier aus, die in unterschiedlichen Facetten die Balzacschen Hauptmotive bestens spiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eDie Sch\u00f6ne Imperia\u201c verf\u00e4llt der junge M\u00f6nch Philippe de Mala, der im Jahr 1414 zum Konzil von Konstanz anreist, den Reizen einer bezaubernden Dame, der er auf Dr\u00e4ngen eines dubiosen Kupplers, unschwer zu erkennen als der Leibhaftige selbst, in ihr Haus folgt. Imperia, so nennt sich die H\u00fcbsche, l\u00e4dt ihn ein, sie doch auch am folgenden Abend zu besuchen \u2013 mit einem netten Geschenk in der Hand, wie ihn der Kuppler bescheiden anweist. Trotz entsetzter Warnung seines Gastgebers gibt Philippe das Geld, das er eigentlich in ein festliches Gewand stecken wollte, f\u00fcr eine Juwelenkette aus, die er Imperia schenkt. Philippe staunt nicht schlecht, als sich nach und nach diverse Kirchenm\u00e4nner ein Stelldichein geben und auch die Dienste der Imperia in Anspruch nehmen wollen: der Bischof von Chur tischt ein wahres Festmahl auf, und schlie\u00dflich verlang der Kardinal Ragula selbst durchaus rabiat die Zeit der offenbar von ihm finanziell \u201egef\u00f6rderten\u201c Dame\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Um eine \u201eL\u00e4ssliche S\u00fcnde\u201c kreist die Geschichte um den ehemaligen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2543\" data-type=\"post\" data-id=\"2543\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kreuzritter<\/a> Messire Bruyn, der sich als alter Mann in die entz\u00fcckende Blanche Azay-Le-Ridel verguckt. Gro\u00dfz\u00fcgig kauft er deren Vater aus der Gefangenschaft der Sarazenen frei, wof\u00fcr ihm die Hand der h\u00fcbschen Tochter zuteilwird. Offenkundig hat der alte Herr allerding seine Manneskraft \u00fcbersch\u00e4tzt: regelm\u00e4\u00dfig versagen ihm bei den ehelichen Pflichten die F\u00e4higkeiten. Kein Wunder also, dass die junge Blanche sich umorientiert, nachdem ihr der Abt erkl\u00e4rt hat, es gebe neben den Tods\u00fcnden auch noch die l\u00e4ssliche S\u00fcnde: wenn sie also keinerlei Freude empf\u00e4nde, dann sei das Ganze machbar. Der sch\u00f6ne, aber sch\u00fcchterne Vorleser Ren\u00e9 muss also seine erweiterten Dienste versehen, w\u00e4hrend Blanche sich einfach schlafend stellt. Dann aber geht Ren\u00e9 zur Beichte und sch\u00fcttet dem Abt sein Herz aus\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Um das \u201eErbe des Teufels\u201c streiten sich die Br\u00fcder Hauptmann und Anwalt Cochegrue, deren Vater ein gefeierter Redner in <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2292\" data-type=\"post\" data-id=\"2292\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Notre Dame<\/a> war, sich dann zur Ruhe setzte und nun zum Leidwesen seiner S\u00f6hne gar nicht daran denkt, abzutreten. Auch aktiven Versuchen, den alten Herrn um die Ecke zu bringen, widersteht Cochegrue wie durch ein Wunder. Und weil ihm schwant, dass seine S\u00f6hne ihm ans Leder wollen, setzt er seinen tumben Cousin Chiquon als Spion auf die beiden an. Diese zeichnen sich in der Tat durch alles andere als einen tugendhaften Lebenswandel aus, der sie in den Ruin treibt \u2013 so etwa unterh\u00e4lt der Anwalt ein Verh\u00e4ltnis zur Frau des Goldschmieds, w\u00e4hrend der Hauptmann sich exklusiv eine Geliebte h\u00e4lt, die auf Entlohnung pocht. Als die beiden Taugenichtse beschlie\u00dfen, den hartn\u00e4ckigen Chiquon zu t\u00f6ten, heckt der gemeinsam mit dem alten Cochegrue einen wahrhaft teuflischen Plan aus, an deren Ende zwei Leichen stehen \u2013 und ein Kirchenredner, dessen Schatten verbl\u00fcffende \u00c4hnlichkeit mit dem Leibhaftigen aufweist\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner \u201eFrau Konnetabel\u201c muss sich schlie\u00dflich der Konnetabel von Armignac herum\u00e4rgern, dessen G\u00f6ttergattin Bonne ganz offensichtlich ein Verh\u00e4ltnis zum H\u00f6fling Savoisy unterh\u00e4lt. Als die Dame im Schlaf den Vornamen ihres Holden haucht, sieht sich der Konnetabel best\u00e4tigt, riegelt das Schloss ab und gibt den Befehl aus, Savoisy bei Auftauchen sofort zu erschie\u00dfen. Als Ausweg aus dieser Zwickm\u00fchle schl\u00e4gt die Kammerzofe vor, die Frau Konnetabel solle doch einfach einen Schlossbewohner als Liebhaber bezichtigen, damit der Zorn des Ehemanns sich dahin richte. Gesagt, getan: bei der Prunkmesse macht die Dame dem Ritter Julien sch\u00f6ne Augen, aber als Savoisy den Garten betritt und prompt befehlsgem\u00e4\u00df erschossen wird, wird die Sache kompliziert, zumal sich Julien dennoch fr\u00f6hlich aufopfern will\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Gewisserma\u00dfen als Pause und kleine Abwechslung zu seinem epochalen Hauptwerk \u201eLa Com\u00e9die Humaine\u201c, das als Romanzyklus in sage und schreibe 88 Einzeltiteln ein umfassendes Portrait der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bietet, legte Honor\u00e9 de Balzac in den Jahren 1832, 1833 und 1837 drei Sammlungen vor, die unter dem Titel \u201eLes cent contes dr\u00f4latiques\u201c, wahlweise \u201eLes contes dr\u00f4latiques\u201c insgesamt drei\u00dfig Erz\u00e4hlungen umfassten. Standen die zeitgen\u00f6ssischen Romane der \u201eCom\u00e9die Humaine\u201c schon dem Titel nach im Gefolge von Dantes Sittenbild der \u201eG\u00f6ttlichen Kom\u00f6die\u201c, d\u00fcrfte Balzac hier an das \u201eDecamerone\u201c des Boccaccio gedacht haben, das in 100 Novellen ebenfalls ein Zeitbild entwirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Balzac seine Vignetten im ausgehenden Mittelalter des sp\u00e4ten 15. Jahrhunderts ansiedelt, liefern die drolligen Geschichten nat\u00fcrlich einen bei\u00dfenden Kommentar auf die conditio humana, die sich \u00fcber die Jahrhunderte hinweg keinen Deut ver\u00e4ndert: die M\u00e4chtigen bedienen sich der Doppelmoral, Scheinheiligkeit und Pseudo-Standards, um \u00fcber ihre eigenen Schw\u00e4chen, Gier und Lasterhaftigkeit hinwegzut\u00e4uschen. Vor allem der Klerus bekommt hier sein Fett weg, und die dekadente Adelsschicht pflegt fr\u00f6hlich ihre Liebschaften, die die Kirche unter diversen Finten rechtfertigt, solange der goldene Taler rollt. Durchg\u00e4ngig findet sich ein lasterhafter, zotig-expliziter Ton, der eine Br\u00fccke auch zu den \u201eCanterbury Tales\u201c schl\u00e4gt, in denen Geoffrey Chaucer ein Panorama des Mittelalters entfaltete.<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich damit ein sehr erhellender Blick auf das Menschlich-Allzumenschliche, in dem Balzac selbst als Conf\u00e9rencier durchs Geschehen f\u00fchrt, die einzelnen Geschichten kurz einleitet (das kennen wir ja aus den seligen <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=9609\" data-type=\"post\" data-id=\"9609\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">EC-Horror-Anthologien<\/a> bestens) und auch die durchg\u00e4ngigen Leitmotive wie den Teufel s\u00fcffisant kommentiert. Optisch wird das Geschehen monochrom gestaltet, fast wie eine Radierung, in der Zeitkolorit und auch erotische Komponente gekonnt eingefangen sind. Somit eine Adaption, die in Auswahl und Ausf\u00fchrung der Quelle sicherlich deutlich gerechter wird als die deutsche Kinofassung von 1968, die schl\u00fcpfrigen Erotik-Leinwand-Klaumauk bot, der nur vage mit Balzac zu tun hatte. Da greifen wir lieber zu dieser Version, die bei Splitter standesgem\u00e4\u00df gro\u00dfformatig mit einem Skizzen-Anhang erscheint. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/tolldreiste-geschichten-graphic-novel.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/tolldreiste-geschichten-graphic-novel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Tolldreiste Geschichten<\/a><br>Text &amp; Story: Paul &amp; Ga\u00ebtan Brizzi, nach Honor\u00e9 de Balzac<br>Bilder: Paul &amp; Ga\u00ebtan Brizzi<br>128 Seiten in Schwarz-Wei\u00df, Hardcover<br>Splitter Verlag<br>29,80 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-96219-124-5<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D11699\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=11699\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Tolldreiste Geschichten (Splitter) &raquo; Comicleser #Einzelband #Ga\u00ebtan Brizzi #Graphic Novel # [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDrolatiques\u201c, so hei\u00dfen diese Erz\u00e4hlungen im franz\u00f6sischen Original, lustig, spa\u00dfig, erg\u00f6tzlich, drollig \u2013 und vor allem durchaus deftig, wie man das fr\u00fcher ja gerne bezeichnete. 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