{"id":10608,"date":"2022-08-01T14:26:57","date_gmt":"2022-08-01T12:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10608"},"modified":"2022-08-01T14:30:25","modified_gmt":"2022-08-01T12:30:25","slug":"lugosi-panini","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10608","title":{"rendered":"Lugosi (Panini)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"282\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Lugosi_WEB.jpg\" alt=\"Lugosi (Panini Comics)\" class=\"wp-image-10609\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Lugosi_WEB.jpg 282w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Lugosi_WEB-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 282px) 100vw, 282px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Hollywood 1955: der abgehalfterte alte Horror-Darsteller Bela Lugosi liefert sich selbst ins Motion Picture and Country House Hospital ein. Diagnose: seit Jahren ist er abh\u00e4ngig von Morphium, Barbituraten und sonstigen Drogen. W\u00e4hrend er eine Entziehung durchmacht, breitet sich vor seinem geistigen Auge seine Lebensgeschichte aus. Geboren als Bela Blasko, macht er seiner Familie mit seinen schauspielerischen Ambitionen alles andere als Freude. Dennoch setzt er seine Tr\u00e4ume um und landet 1917 in Budapest tats\u00e4chlich beim Nationaltheater, w\u00e4hrend er nebenbei seiner linken Gesinnung fr\u00f6nt. Mittellos und immer in Geldn\u00f6ten, pflegt er dennoch einen luxuri\u00f6sen Lebensstil.<\/p>\n\n\n\n<p>Als 1919 zumindest kurzzeitig die <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=6566\" data-type=\"post\" data-id=\"6566\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">kommunistische Revolution<\/a> das Land ersch\u00fcttert, \u00fcbernimmt er eine f\u00fchrende Rolle in der Schauspielergewerkschaft \u2013 und muss aus genau diesem Grunde noch im gleichen Jahr, als das Regime wieder gest\u00fcrzt wird, mit seiner Frau nach Wien fliehen. Als der Schwiegervater den Geldhahn endg\u00fcltig zudreht, macht sich Bela, der sich inzwischen nach seinem Geburtsort Lugosi nennt, auf ins Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten \u2013 nur um wieder nur auf Amateurb\u00fchnen zu stehen, nicht zuletzt, weil er kein Englisch spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>1927 schlie\u00dflich winkt dann die gro\u00dfe Chance: er ergattert die Hauptrolle in der B\u00fchnenadaption des <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=8229\" data-type=\"post\" data-id=\"8229\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Romans Dracula<\/a>, die ihm geradezu auf den Leib geschneidert scheint. In seiner Interpretation als galanter, bedrohlicher und gleichzeitig attraktiver Aristokrat ger\u00e4t das St\u00fcck zum Triumphzug, der Bela schlie\u00dflich bis nach Los Angeles f\u00fchrt, w\u00e4hrend er abseits der B\u00fchne durch Alkoholeskapaden und Frauengeschichten von sich reden macht. Der neue Universal-Boss Carl Laemmle jr. Wittert das Potenzial des Stoffs, kauft die Rechte am Theaterst\u00fcck und engagiert, nachdem der eigentliche Wunschkandidat Lon Chaney verstirbt, den ungarischen B\u00fchnendracula f\u00fcr seinen ersten Horrorfilm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erfolg des Streifens, der insbesondere in den Anfangssequenzen vom deutschen Kameramann Karl Freund nachhaltig gepr\u00e4gt ist und tief im europ\u00e4ischen Expressionismus steckt, ist geradezu ph\u00e4nomenal \u2013 aber Bela wird mit einer mageren Gage abgespeist, weil er noch kein Star ist. Das soll sich mit der n\u00e4chsten Universal-Produktion \u00e4ndern: Lugosi soll Frankensteins Monster spielen, man fertigt Screentests an, aber der arrogante K\u00fcnstler f\u00fcrchtet, das schwere Makeup, das klobige Kost\u00fcm und vor allem die Grunzerei der Kreatur k\u00f6nnten seinem Stil schaden. Eine folgenschwere Fehleinsch\u00e4tzung: mit Frankenstein avanciert Boris Karloff zur hochbezahlten Horror-Ikone, w\u00e4hrend Bela mehr und mehr vom Pech verfolgt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Filme wie \u201eMurders In The Rue Morgue\u201c werden umgeschrieben, um der Zensur zu entgehen, versinken dadurch im inhaltlichen Unfug und geraten zu Misserfolgen; um seinen zunehmenden k\u00f6rperlichen Gebrechen zu begegnen, beginnt Lugosi au\u00dferdem damit, regelm\u00e4\u00dfig Morphium zu nehmen. 1932 muss er schlie\u00dflich Bankrott anmelden: sein nach wie vor ambitionierter Lebensstil fordert Tribut. Fortan muss er alle Rollen annehmen, die man ihm anbietet \u2013 nach durchaus achtbaren Produktionen wie \u201eWhite Zombie\u201c oder \u201eThe Black Cat\u201c, bei der er erstmals mit Karloff zusammen dreht, rutscht Lugosi immer tiefer in die B-Movie-Welt, bis er schlie\u00dflich weitgehend vergessen von einem jungen, begeisterten M\u00f6chtegern-Regisseur namens Ed Wood wiederentdeckt wird\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAufstieg und Fall von Hollywoods Dracula\u201c \u2013 eben diese Geschichte erz\u00e4hlt diese Graphic Novel von Koren Shadmi, die die Karriere eines Immigranten nachzeichnet, der durch eine Verk\u00f6rperung eines Mythos aus seiner alten Heimat zu Ruhm gelangte, den er in Folge durch Ma\u00dflosigkeit, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und Sucht wieder zerst\u00f6rte. F\u00fcr die Darstellung hat Shadmi eifrig auch in zeitgen\u00f6ssischen Zeitungs- und Magazinartikeln gest\u00f6bert, was sich in zahlreichen authentischen Szenen niederschl\u00e4gt \u2013 so etwa das pressewirksam aufgemachte erste Treffen mit Karloff, die Sauftouren mit Clara Bow, die zahlreichen Ehen, die immer von Aff\u00e4ren \u00fcberschattet waren, und die chronischen Geldn\u00f6te, die als Kombination aus \u00fcberzogenem Anspruch (\u201eWenn ich wie ein Star lebe, dann werde ich auch einer\u201c, erkl\u00e4rt Bela noch in Ungarn seiner ersten Ehefrau) und Ausbeutung durch die Filmindustrie erscheinen (so etwa bekommt Karloff am Set von \u201eSon Of Frankenstein\u201c eine Gage von 4000 Dollar die Woche, w\u00e4hrend Lugosi, immerhin Darsteller der zentralen Figur des Igor, sich mit 500 Dollar zufrieden geben muss).<\/p>\n\n\n\n<p>In die Flashbacks, die Lugosi in seinem Krankenzimmer erlebt, mischen sich Wahnvorstellungen und Phantasiegebilde: so etwa tritt Lugosi sich selbst als junger <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=9358\" data-type=\"post\" data-id=\"9358\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dracula<\/a> entgegen, der ihn damit konfrontiert, dass er die Kunstfigur geschaffen und sich damit selbst vernichtet habe. Auch sein ewiger Konkurrent Karloff sucht ihn heim, wobei sich die Wahrheiten vermischen: war es der neue Regisseur James Whale, der der Meinung war, Lugosi sei zu wenig in der Lage, auch Sympathie f\u00fcr das Monster zu erzeugen? Oder lehnte Lugosi wirklich selbst aus freien St\u00fccken ab und empfahl den unbekannten Karloff (was der mit den Worten kommentiert \u201eWem willst Du dieses M\u00e4rchen denn noch erz\u00e4hlen?\u201c)? Oder war diese fatale Fehlentscheidung einfach eine Kombination aus unterschiedlich Faktoren?<\/p>\n\n\n\n<p>Der filmgeschichtliche Reigen, den Shadmi heir auff\u00e4hrt, ist gr\u00fcndlich recherchiert und detailliert aufbereitet, von Carl Laemmle jrs Kalkulation, hochwertige Horrorfilme zu produzieren, \u00fcber den europ\u00e4ischen Einschlag dieser Produktionen und die beklemmenden Szenen in heute durchaus anerkannten Produktionen wie \u201eMurders In The Rue Morgue\u201c, \u201eIsland Of Lost Souls\u201c und \u201eWhite Zombie\u201c bis hin zu den katastrophalen Auswirkungen des Hayes-Codes, der das Horror-Genre f\u00fcr einige Jahre weitgehend erledigte. Auch der Abstieg in die Billigfilme erscheint an schlagenden Beispielen wie dem uns\u00e4glichen \u201eApe Man\u201c, bevor dann die Zeit mit Ed Wood als letzter Hoffnungsschimmer erscheint, der nicht Slapstick-haft, sondern durchaus r\u00fchrend erscheint \u2013 inklusive der ber\u00fchmten Rede \u201eHome? I have no Home!\u201c, die Wood eigens in \u201eBride Of The Monster\u201c f\u00fcr Lugosi einbaute.<\/p>\n\n\n\n<p>In atmosph\u00e4rischem schwarz-wei\u00df gehalten, baut Shadmi wiederholt ber\u00fchmte Filmeinstellungen wie die Treppe in Draculas Schloss oder auch Szenen aus \u201eThe Raven\u201c und \u201eThe Black Cat\u201c nach, greift zentrale Dialogstellen auf (\u201eListen to the wolves, children of the night\u201c) und orientiert sich bisweilen auch an Tim Burtons genialem \u201eEd Wood\u201c. Somit ein mehr als w\u00fcrdiges Biopic, das die Lebensgeschichte eines Mannes nacherz\u00e4hlt, der letztlich an sich selbst, aber auch am System Hollywood scheiterte und dennoch eine bleibende Ikone der Film- und Kulturgeschichte schuf. Denn noch heute gilt: Karloff rules. Aber Lugosi rult auch, wenigstens ein bisschen. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/paninishop.de\/tv-und-film-horror-comics\/lugosi-ydlugo001\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/paninishop.de\/tv-und-film-horror-comics\/lugosi-ydlugo001\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Lugosi<\/a><br>Text &amp; Bilder: Koren Shadmi<br>160 Seiten in Schwarz-Wei\u00df, Hardcover<br>Panini Comics<br>25 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-7416-2791-0<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D10608\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10608\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Lugosi (Panini) &raquo; Comicleser #Einzelband #Graphic Novel #Hollywood #Koren Shadmi #Lugosi #Pa [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hollywood 1955: der abgehalfterte alte Horror-Darsteller Bela Lugosi liefert sich selbst ins Motion Picture and Country House Hospital ein. 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