{"id":1045,"date":"2013-08-13T23:58:36","date_gmt":"2013-08-13T21:58:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1045"},"modified":"2013-08-13T23:58:36","modified_gmt":"2013-08-13T21:58:36","slug":"ein-fruhling-in-tschernobyl-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1045","title":{"rendered":"Ein Fr\u00fchling in Tschernobyl (Splitter)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1046\" alt=\"Ein Fr\u00fchling in Tschernobyl\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Ein-Fr\u00fchling-in-Tschernobyl.jpg\" width=\"288\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Ein-Fr\u00fchling-in-Tschernobyl.jpg 288w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Ein-Fr\u00fchling-in-Tschernobyl-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/p>\n<p>Emmanuel Lepages neuer Reisebericht ist ganz anders als jener \u00fcber seinen <a title=\"Reise zum Kerguelen-Archipel\" href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=743\" target=\"_blank\">Trip zu den Franz\u00f6sischen S\u00fcd- und Antarktisgebieten<\/a> (Reise zum Kerguelen-Archipel, auch bei Splitter). Naturgem\u00e4\u00df. Denn schlie\u00dflich geht es an einen Ort, der nicht gerade als Touristen-Spot ber\u00fchmt ist: nach Tschernobyl, wo sich am 26. April 1986 die gr\u00f6\u00dfte Nuklearkatastrophe der Geschichte ereignete.<\/p>\n<p>Aber warum um Himmels willen ausgerechnet nach Tschernobyl? Lepage entschlie\u00dft sich f\u00fcr die Reise und das damit verbundene Risiko nach einer Begegnung mit einer K\u00fcnstlerinitiative. Er soll als Zeichner \u201edas befremdliche Leben dort einfangen und illustrieren.\u201c Der Band beginnt mit einem d\u00fcsteren R\u00fcckblick, einem kurzen Abriss, was damals geschah, welche Auswirklungen und welche schrecklichen Folgen die Katastrophe f\u00fcr die Menschen hatte und nicht nur f\u00fcr die, die in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors lebten. Das was eben allgemein hin bekannt ist. Im Fr\u00fchjahr 2008 beginnt die Reise an den Rand und in die verbotene Zone. Die Gruppe um Lepage begegnet verschiedenen Menschen, deren Leben von der Katastrophe bestimmt ist, auch 22 Jahre sp\u00e4ter. Man sieht sich u.a. den Reaktor an, den Betonsarg (20 Minuten Aufenthalt \u2013 l\u00e4nger w\u00e4re zu gef\u00e4hrlich) und f\u00e4hrt nach Prypjat, die Geisterstadt mit Riesenrad und Schwimmbad, die Zocker aus Call of Duty: Modern Warfare kennen. Und man besucht verlassene Orte, die auch Google Erde nicht mehr wei\u00df. Dazwischen immer Begegnungen mit Menschen, mit deren Geschichte oder Zukunft, stets von der Katastrophe beeinflusst.<\/p>\n<p>Der Band ist haupts\u00e4chlich in schwarz-wei\u00df gestaltet. Oder besser: in Schwarz-, Braun- und Graut\u00f6nen. Aber nicht ganz. Farbe ist hier ein Stilmittel, das zuerst in Form von knalligem Rot auftaucht: Die Verbots- und Warnschilder am Eingang der verbotenen Zone. Sp\u00e4ter \u2013 als Zeichen der Vertrautheit mit dem Schrecken? \u2013 werden die Seiten bunter. Die Farben der Natur ziehen ein. Statt des Grauens, das Lepage eigentlich dokumentieren wollte, zeichnet er die vermeintlich unber\u00fchrte, farbige Natur, oder: die Natur, die sich langsam Orte und Stra\u00dfen zur\u00fcck erobert. Und die tr\u00fcgerisch ist. Noch immer. Nur der Dosimeter, der zur Grundausstattung geh\u00f6rt, zeigt die Gefahr, zeigt, ob und wie die Erde verstrahlt ist. Ein unsichtbarer Schrecken, der sich hinter der Stille der Natur und der Pracht des Fr\u00fchlings verbirgt. Nat\u00fcrlich bekommt Lepage Gewissensbisse: wie kann ich farbenfrohe Bilder malen, die bunte Natur festhalten inmitten des eigentlichen Schreckens? Schlie\u00dflich fand hier eine Katastrophe statt, die zehntausende Menschenleben gefordert hat und dies noch tut. Die \u201estrahlende Sch\u00f6nheit des Ortes\u201c\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_1049\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1049\" class=\"size-full wp-image-1049\" alt=\"Prypjat: und immer klickt der Dosimeter\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Prypjat.jpg\" width=\"283\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Prypjat.jpg 283w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Prypjat-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><p id=\"caption-attachment-1049\" class=\"wp-caption-text\">Prypjat: und immer klickt der Dosimeter<\/p><\/div>\n<p>Der Bericht weist nat\u00fcrlich nicht die Dynamik von Reise zum Kerguelen-Archipel auf. Es geht nicht von Insel zu Insel. Man verweilt in einer Region. Und die ganz anders ist als gedacht. Auch die Menschen, die dort leben. Die dies wollen oder nicht fort k\u00f6nnen. Sie zeigen nicht die Geschichte, die hinter jedem Gesicht steckt. Auch hier bleibt der Schrecken unsichtbar. Oder wird er verdr\u00e4ngt? So legt Lepage die Verwirrung in seinem Gef\u00fchlsleben erstaunlich offen. Beginnend mit der offensichtlichen Angst vor der Reise, die unbewusst zu einer schmerzenden Zeichen-Hand f\u00fchrt. Die Diskussion mit seiner Familie. Dann die st\u00e4ndig auftauchenden Gewissensbisse, die allgegenw\u00e4rtige Unsicherheit. Wohin kann ich gehen, was kann ich essen, was trinken, ohne Gefahr? Visualisiert werden diese \u00c4ngste durch das Maul eines Krokodils, das Lepage immer wieder zeichnet, in dem er sich bewegt. Wird es zuschnappen oder ihn verschonen? Eine treffliche Verbildlichung seines Gef\u00fchlslebens bei dieser Reise.<\/p>\n<p>Dass er ein gro\u00dfer Zeichner ist, steht au\u00dfer Frage. Fast jedes seiner Bilder ist einen zweiten Blick wert. Nicht nur die Darstellung der Natur, auch die Vielfalt seiner Portraits beeindruckt einmal mehr. Ein lehrreicher und faszinierend unterhaltsamer Band, der erstaunliche Einblicke gew\u00e4hrt, der die Natur und den Mensch in den Mittelpunkt der Katastrophe stellt. Den von au\u00dfen und den mittendrin. (bw)<\/p>\n<p>Ein Fr\u00fchling in Tschernobyl<br \/>\nText &amp; Bilder: Emmanuel Lepage<br \/>\n168 Seiten in Farbe, Hardcover<br \/>\nSplitter Verlag<br \/>\n29,80 Euro<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-86869-619-6<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D1045\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=1045\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Ein Fr\u00fchling in Tschernobyl (Splitter) &raquo; Comicleser #Ein Fr\u00fchling in Tschernobyl #Emmanuel [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emmanuel Lepages neuer Reisebericht ist ganz anders als jener \u00fcber seinen Trip zu den Franz\u00f6sischen S\u00fcd- und Antarktisgebieten (Reise zum Kerguelen-Archipel, auch bei Splitter). Naturgem\u00e4\u00df. 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