{"id":10281,"date":"2022-03-21T13:14:04","date_gmt":"2022-03-21T11:14:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10281"},"modified":"2022-03-21T13:14:04","modified_gmt":"2022-03-21T11:14:04","slug":"bartleby-der-schreiber-splitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10281","title":{"rendered":"Bartleby, der Schreiber (Splitter)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"288\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bartleby_WEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10282\" srcset=\"http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bartleby_WEB.jpg 288w, http:\/\/www.comicleser.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bartleby_WEB-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>New York, Wall Street: ein kleines Notariat, das sich auf das Kopieren von Urkunden, Hypotheken und Wertpapieren spezialisiert hat. Als die Arbeit sich anh\u00e4uft, stellt der Notar einen jungen Mann ein, der die Angestellten Turkey, Nipper und den Laufburschen Ginger Nut unterst\u00fctzen soll. Bartleby, so stellt sich der Neue vor, arbeitet emsig, genau und vollkommen wortkarg in einer kleinen Ecke im B\u00fcro, deren Fenster direkt auf die Mauer des Geb\u00e4udes gegen\u00fcber schaut. Als es allerdings an das \u201eKollationieren\u201c, also das gemeinsame Korrekturlesen von vier Ausfertigungen einer Urkunde geht, verweigert sich Bartleby mit den lakonischen Worten: \u201eIch m\u00f6chte das lieber nicht\u201c. Verwundert l\u00e4sst der Chef dies nochmal durchgehen, aber Bartlebys Ablehnung aller T\u00e4tigkeit schreitet fort: ob er nun zur Post gehen, andere Schreibarbeiten oder ganz triviale Aufgaben \u00fcbernehmen soll \u2013 stets quittiert er dies mit seinem \u201eIch m\u00f6chte das lieber nicht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald stellt der Notar fest, dass Bartleby sogar in der Kanzlei wohnt und das B\u00fcro niemals verl\u00e4sst. Anstelle den unt\u00e4tigen Mitarbeiter einfach hinauszuwerfen, zieht es der Chef vor, seine gesamte Kanzlei in ein anderes B\u00fcro umzuziehen und Bartleby in den leeren R\u00e4umlichkeiten zur\u00fcckzulassen. Diese L\u00f6sung ist allerdings kurzlebig, da die Nachmieter sich umgehend \u00fcber den seltsamen jungen Mann beschweren, der sich weigert, das B\u00fcro zu verlassen. Als das nichts fruchtet, ziehen die neuen Bewohner andere Saiten auf und \u00fcbergeben Bartleby wegen Hausfriedensbruchs der Polizei. Im Gef\u00e4ngnis, wo ihn sein alter Chef besucht, setzt Bartleby seine vollst\u00e4ndige Verweigerungshaltung bis zur letzten, bitteren Konsequenz fort\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eBartleby the Scrivener\u201c legte Herman Melville 1853 sein zweites Werk nach dem <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10226\" data-type=\"post\" data-id=\"10226\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">monumentalen Epos \u201eMoby Dick\u201c<\/a> vor. Zu Lebzeiten ebenso verkannt wie sein Hauptoeuvre um den <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=2228\" data-type=\"post\" data-id=\"2228\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wei\u00dfen Wal<\/a>, avancierte die Kurzgeschichte um den widerspenstigen Schreiber in der sp\u00e4teren Betrachtung zu einem der am meisten gelesenen und vielfach verschieden interpretierten St\u00fccke des Autors. Im Zentrum steht die Figur des seltsam vergangenheitslosen jungen Bartleby, den der Ich-Erz\u00e4hler eingangs als \u201eausdruckslos sauber, erbarmungsw\u00fcrdig achtbar, hoffnungslos einsam\u201c beschreibt. Bartleby ist damit der typische Jedermann, der eigentlich als R\u00e4dchen im System, stellvertretend hier im Tempel der modernen Finanzwirtschaft Wall Street, funktionieren sollte, dies aber ohne Angabe von Gr\u00fcnden ablehnt, wobei er im Original dabei stets wiederkehrend \u201eI would prefer not to\u201c vorbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kollegen, die dem Ich-Erz\u00e4hler permanent zu viel Nachsicht vorwerfen, stellen am Ende folgerichtigerweise fest: \u201eDas st\u00f6rende Element wurde entfernt\u201c. Die auf den ersten Blick naheliegende Interpretation, Melville trage hier eine Kritik des entmenschlichten Kapitalismus vor (eine allzu wohlfeile Auslegung, die sich das links intellektuelle Publikum inklusive der Occupy-Bewegung gerne zu eigen machte, was auch im Vorwort des hier vorliegenden Bandes mitschwingt), springt freilich viel zu kurz. Weiter greift hier der geistesgeschichtliche Kontext, in dem Melvilles Erz\u00e4hlung mit der Philosophie der amerikanischen Transzendentalisten um Ralph Waldo Emerson in Verbindung zu bringen ist, die der zunehmenden Rationalisierung, Materialismus und Zersplitterung der Moderne die Selbstbestimmtheit und Freiheit des Individuums gegen\u00fcberstellte, was <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4596\" data-type=\"post\" data-id=\"4596\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Henry Thoreau<\/a> in seinem \u201eWalden\u201c-Experiment des konsequenten Naturlebens auf die Spitze trieb (und was dann ein gewisser John Keating seinen begeisterten Sch\u00fclern aus dem Club der toten Dichter \u00e4u\u00dferst lebendig nahebrachte \u2013 \u201eI went to the woods because I wished to live deliberately\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Bartleby setzt der Arbeitsteilung und Vereinzelung des modernen Lebens, das den l\u00e4ndlichen Familienverbund (mit allen Nachteilen der sozialen Kontrolle, wohlgemerkt) kennzeichnete, eine radikale Selbstbestimmung entgegen, die zunehmend auch seinen Chef fasziniert: immer mehr entwickelt der Ich-Erz\u00e4hler Verst\u00e4ndnis und Schuldgef\u00fchle, die aus einer diffus christlichen Haltung entspringen, aber auch in die Richtung gedeutet werden k\u00f6nnen, dass Bartleby in Wahrheit ein Alter Ego des Erz\u00e4hlers selbst ist, der bezeichnenderweise am Ende selbst feststellt, er w\u00fcrde das gerade lieber nicht tun. Somit entsteht eine in der bitteren Konsequenz der Titelfigur kafkaeske Groteske, die wie jedes ordentliche Kunstwerk mannigfaltig lesbar ist, als B\u00fcrokratiekritik, philosophischer Ausflug oder gar Selbstbildnis des vom Misserfolg seiner Werke zutiefst entt\u00e4uschten Schriftstellers Melville.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Graphic Novel setzt <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=7828\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=7828\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jos\u00e9 Luis Munuera<\/a> (u.a. \u201eSpirou und Fantasio\u201c, <a href=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6591\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.comicleser.de\/?p=6591\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eZyklotrop\u201c<\/a>) die Hauptelemente der Erz\u00e4hlung beeindruckend um: New York erscheint als gigantische Szenerie, in denen sich die Einzelschicksale abspielen, <a href=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=4027\" data-type=\"post\" data-id=\"4027\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">auf dem Broadway<\/a> h\u00f6rt der Ich-Erz\u00e4hler Redner, die seine Situation spiegeln, und vor allem die Gef\u00e4ngnisszenen erzeugen eine klaustrophobische Stimmung par excellence. Dass das Gef\u00e4ngnis in der Erz\u00e4hlung \u201eThe Tombs\u201c hei\u00dft und Bartleby vor seiner Anstellung in der Kanzlei symbolischerweise in einem \u201eDead Letter Office\u201c, einem B\u00fcro f\u00fcr nicht zustellbare Briefe, gearbeitet hat, spart Munuera aus und l\u00e4sst dabei umso mehr Deutungsspielraum, was der eindrucksvollen Umsetzung nur noch mehr Dringlichkeit und Denkansto\u00df verleiht. (hb)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/bartleby-der-schreiber.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.splitter-verlag.de\/bartleby-der-schreiber.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bartleby, der Schreiber<\/a><br>Text: Jos\u00e9 Luis Munuera, nach Herman Melville<br>Bilder: Jos\u00e9 Luis Munuera<br>72 Seiten in Farbe, Hardcover<br>Splitter Verlag<br>18 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: 978-3-96792-168-7<\/p>\n<div class=\"wp_twitter_button\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\">\n\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?counturl=http%3A%2F%2Fwww.comicleser.de%2F%3Fp%3D10281\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"http:\/\/www.comicleser.de\/?p=10281\" data-count=\"none\" data-via=\"comicleser\" data-lang=\"de\" data-text=\"Bartleby, der Schreiber (Splitter) &raquo; Comicleser #Bartleby #Bartleby der Schreiber #Einzelban [...]\">Tweet<\/a>\n\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>New York, Wall Street: ein kleines Notariat, das sich auf das Kopieren von Urkunden, Hypotheken und Wertpapieren spezialisiert hat. 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