
Baltimore: Damon Price frönt dem Glücksspiel – wird dabei allerdings vom Pech verfolgt. Als er sich wieder einmal Geld bei der Prostituierten Nina leiht, lädt ihn eine finstere Kutsche zum Einsteigen ein, was er erschreckt ablehnt. Als ihm die Gläubiger allerdings zu Leibe rücken, springt er doch in das düstere Gefährt und erreicht nach einer fiebrigen Nacht das Haus seines Cousins Roderick Usher, bei dem er als Kind öfters weilte. Der Hausherr schaut reichlich mitgenommen aus und berichtet ihm, dass seine Schwester Madeline vor kurzem unerwartet verstorben sei und das Haus seitdem Trauer trägt. In der ersten Nacht glaubt Damon die Tote zu sehen und folgt der Erscheinung, die im See verschwindet – als Roderick ihn in Empfang nimmt und in die Gruft führt, in der Madeline ruht.
Aus dem Tagebuch Madelines erfährt Damon, dass sie ihm per Brief einen Hilferuf hatte zukommen lassen, den er im Spielrausch wohl übersehen hatte. Vom Hausarzt erfährt Damon, dass Roderick dem Opium verfallen war und seit dem Tod der Schwester mehr und mehr in den Wahnsinn abrutscht. Als Damons Gläubiger den Brief in seiner Wohnung finden und auf dem Anwesen Usher eintreffen, nimmt das Grauen seinen Lauf: Usher tötet im Wahn seinen Hausarzt, die Toten verlassen ihre Gräber, und auch Madeline konfrontiert ihren Bruder mit der finsteren Wahrheit…
Mit dem „Fall of the House of Usher“ lieferte Edgar Allan Poe 1839 eines seiner bekanntesten Werke ab. Durchzogen von den Poe-typischen Leitmotiven Adelsdekadenz, Morbidität, Wahnsinn, Wiederkehr einer verstorbenen jungen Frau und Angst vor dem Lebendigbegrabensein, entfaltet sich die Geschichte um das Haus, das den sich auflösenden Realitätssinn des Hausherrn spiegelt und den zunehmenden Verfall bis zum vollständigen Zusammenbruch selbst nachvollzieht. Statt einer werktreuen Adaption wählen Jean Dufaux („Murena“, „Giacomo C.“ u.v.a.) und Jaime Calderón (u.a. „Königliches Blut“)bei ihrer Umsetzung einen anderen Weg: sie lassen kurzerhand den Autor selbst auftreten. In einer finsteren Kaschemme trifft Damon den Autor Poe, der alles über ihn zu wissen scheint und behauptet, dass sich seine Figuren gerne einmal selbständig machen.
Die Zechbrüder in der Kaschemme feiern Poes neuestes Werk „The Raven“, der – ganz wie in der Realität – wiederholt öffentlich rezitiert und bejubelt wird. Poe selbst spielt auf weitere Werke aus seiner Feder an, wie etwa in der Szene, als Damon das Tagebuch von Madeline sucht: das beste Versteck sei immer noch der offensichtlichste Ort, ganz wie in seiner Erzählung „The purloined Letter“. Poe selbst frönt ebenfalls dem Morphin, das vom Hausarzt Ushers als wunderbares Heilmittel gelobt wird, wie dies zu Zeiten Poes durchaus gängig war.
So entsteht eine doppelbödige Variante der Motive der Erzählung, der zusätzlich eine Hommage an die fulminanten Plüsch-Leinwand-Umsetzungen durch Roger Corman beigefügt ist: Damons Nachname Price verweist auf den theatralischen Titan Vincent Price, und auch optisch lehnt sich die Gestaltung in der finalen Einstellung des niederbrennenden Hauses und in den schlierenhaften Farbklecksen des Innenumschlags an die Titelsequenz so mancher Corman-Poe-Verfilmung an. Und wer die Unterschiede zur Erzählung ganz genau studieren will, der findet als Dreingabe sogar den kompletten Text von Poes Kurzgeschichte – komplett mit dem Gedicht „The Haunted Palace“ und Rodericks entsetztem Ausruf: „Madman! I tell you that she now stands without the door!” Damit eine originelle und jederzeit faszinierende Umsetzung, die den Schauer der Vorlage auf eine neue Ebene hebt. (hb)
Das Haus Usher
Text & Story: Jean Dufaux, nach Edgar Allan Poe
Bilder: Jaime Calderón
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro
ISBN: 978-3-98721-441-7